WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:15.100
Hallo und herzlich willkommen bei Körper und Seele, deinem Gesundheitspodcast. Hier

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00:00:15.100 --> 00:00:22.080
ist Patrick vom Vitalis Zentrum. Schön, dass du heute wieder dabei bist. Bevor wir mit dem

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00:00:22.080 --> 00:00:27.720
heutigen Thema starten, möchte ich noch einmal kurz an die letzte Folge anknüpfen. In der

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00:00:27.720 --> 00:00:33.500
letzten Folge haben wir darüber gesprochen, warum wir uns ständig mit anderen Menschen vergleichen.

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00:00:34.860 --> 00:00:42.380
Warum wir heute, gerade durch soziale Medien, jeden Tag mit dem Leben, den Erfolgen und den

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00:00:42.380 --> 00:00:48.480
scheinbar perfekten Momenten anderer Menschen konfrontiert werden. Und wir haben darüber

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00:00:48.480 --> 00:00:54.920
gesprochen, dass wir dabei etwas ganz Entscheidendes vergessen. Wir sehen meistens nur einen kleinen

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00:00:54.920 --> 00:01:01.600
Ausschnitt aus dem Leben eines anderen Menschen. Aber wir vergleichen diesen Ausschnitt mit unserer

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00:01:01.600 --> 00:01:09.200
gesamten eigenen Geschichte. Vielleicht erinnerst du dich auch noch an die Reflexionsfrage, die ich

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00:01:09.200 --> 00:01:16.020
dir am Ende der letzten Folge mitgegeben habe. Welches Ziel in deinem Leben würdest du noch

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00:01:16.020 --> 00:01:22.460
verfolgen, wenn du dich mit niemandem mehr vergleichen könntest? Vielleicht hast du diese

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00:01:22.460 --> 00:01:27.780
Frage in den letzten Tagen ein wenig mit dir getragen. Vielleicht ist dir sogar aufgefallen,

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00:01:28.280 --> 00:01:32.580
dass manche Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie unbedingt erreichen müssen,

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00:01:33.380 --> 00:01:40.860
gar nicht unbedingt unsere eigenen Ziele sind. Und genau dort möchte ich heute anknöpfen. Denn,

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00:01:41.540 --> 00:01:47.280
wenn wir anfangen, weniger darauf zu schauen, was andere Menschen machen, entsteht plötzlich etwas,

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00:01:47.280 --> 00:01:54.180
das zunächst vielleicht ganz einfach klingt. Wir haben wieder mehr Raum für uns selbst,

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00:01:54.180 --> 00:02:02.580
für unsere eigenen Gedanken, für unsere eigenen Bedürfnisse, aber auch für etwas anderes,

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00:02:02.580 --> 00:02:12.480
für unsere Gefühle. Und genau die sind nicht immer angenehm, denn bei uns selbst anzukommen

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00:02:12.480 --> 00:02:18.380
bedeutet eben nicht nur Ruhe, Klarheit oder Zufriedenheit zu finden.

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00:02:18.380 --> 00:02:26.100
Manchmal begegnen uns dort auch Dinge, die wir vielleicht viel lieber vermeiden würden.

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00:02:26.100 --> 00:02:40.560
Traurigkeit, Wut, Angst, Enttäuschung, Einsamkeit, Scham, Überforderung.

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00:02:40.560 --> 00:02:47.160
Und genau deshalb möchte ich heute mit dir über eine Frage sprechen, die wahrscheinlich

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00:02:47.160 --> 00:02:52.960
viel mehr Menschen betrifft, als wir denken.

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00:02:52.960 --> 00:02:56.440
Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefühle zuzulassen?

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00:02:56.440 --> 00:03:04.080
Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir unglaublich viele Möglichkeiten haben,

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00:03:04.080 --> 00:03:07.280
uns von dem abzulenken, was gerade in uns passiert.

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00:03:07.280 --> 00:03:11.900
Wenn wir uns schlecht fühlen, greifen wir zum Handy.

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00:03:11.900 --> 00:03:13.900
Wir scrollen.

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00:03:13.900 --> 00:03:16.240
Wir schauen eine Serie.

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00:03:16.240 --> 00:03:18.240
Wir arbeiten.

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00:03:18.240 --> 00:03:20.680
Wir machen Sport.

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00:03:20.680 --> 00:03:22.680
Wir treffen Menschen.

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00:03:22.680 --> 00:03:25.680
Wir beschäftigen uns.

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00:03:25.680 --> 00:03:30.040
Und all diese Dinge sind für sich genommen überhaupt nichts Schlechtes.

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00:03:30.040 --> 00:03:35.180
Die entscheidende Frage ist vielleicht vielmehr, warum mache ich es gerade?

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00:03:35.180 --> 00:03:39.940
Mache ich Sport, weil mir Bewegung gut tut?

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00:03:39.940 --> 00:03:43.580
Oder weil ich gerade etwas nicht fühlen möchte?

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00:03:43.580 --> 00:03:49.940
Treffe ich Freunde, weil ich Zeit mit ihnen verbringen möchte?

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00:03:49.940 --> 00:03:54.240
Oder weil ich Angst davor habe, mit meinen Gedanken allein zu sein?

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00:03:54.240 --> 00:04:00.060
Arbeite ich gerade, weil etwas erledigt werden muss?

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00:04:00.060 --> 00:04:07.560
Oder weil Beschäftigung einfacher ist, als hinzuhören, was gerade in mir passiert.

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00:04:07.560 --> 00:04:14.520
Vielleicht liegt genau darin ein Unterschied, den wir im Alltag kaum bemerken.

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00:04:14.520 --> 00:04:19.800
Denn Gefühle verschwinden nicht automatisch nur deshalb, weil wir uns gerade nicht mit

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00:04:19.800 --> 00:04:20.800
ihnen beschäftigen.

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00:04:20.800 --> 00:04:25.440
Stell dir einmal vor, jemand klingelt bei dir an der Haustür.

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00:04:25.440 --> 00:04:31.740
Du siehst durch den Türspion und denkst, mit dem möchte ich gerade nicht sprechen.

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00:04:31.740 --> 00:04:33.900
Also machst du nicht auf.

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00:04:33.900 --> 00:04:36.840
Vielleicht geht dieser Mensch irgendwann wieder.

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00:04:36.840 --> 00:04:39.840
Aber vielleicht klingelt er morgen erneut.

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00:04:39.840 --> 00:04:42.840
Und übermorgen wieder.

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00:04:42.840 --> 00:04:46.840
Und irgendwann vielleicht noch etwas lauter.

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00:04:46.840 --> 00:04:51.840
Ich glaube, mit manchen Gefühlen kann es ähnlich sein.

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00:04:51.840 --> 00:04:55.200
Wir müssen nicht jedes Gefühl sofort analysieren.

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00:04:56.540 --> 00:04:59.980
Wir müssen nicht aus jedem Gefühl ein großes Thema machen.

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00:05:02.720 --> 00:05:11.480
Aber vielleicht lohnt es sich manchmal, die Tür zumindest einen kleinen Spalt zu öffnen und zu fragen, warum bist du eigentlich da?

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00:05:13.900 --> 00:05:17.320
Denn vielleicht möchte unsere Traurigkeit uns etwas zeigen.

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00:05:19.180 --> 00:05:21.480
Vielleicht hat unsere Wut einen Grund.

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00:05:21.840 --> 00:05:26.720
Vielleicht möchte unsere Angst uns vor etwas schützen.

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00:05:30.880 --> 00:05:36.240
Vielleicht steckt hinter unserer Enttäuschung etwas, das uns unglaublich wichtig gewesen ist.

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00:05:37.120 --> 00:05:40.940
Und trotzdem haben viele von uns gelernt, Gefühle sehr schnell zu bewerten.

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00:05:41.940 --> 00:05:43.040
Traurigkeit ist schlecht.

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00:05:44.260 --> 00:05:45.140
Freude ist gut.

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00:05:46.820 --> 00:05:47.660
Angst ist schlecht.

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00:05:49.040 --> 00:05:50.120
Zufriedenheit ist gut.

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00:05:50.120 --> 00:05:58.400
Wut ist schlecht, Gelassenheit ist gut. Doch vielleicht sind Gefühle gar nicht dafür da,

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00:05:58.400 --> 00:06:05.480
in gut und schlecht eingeteilt zu werden. Vielleicht sind sie zunächst einmal einfach da.

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00:06:05.480 --> 00:06:09.980
Und vielleicht dürfen wir anfangen, neugieriger auf sie zu werden.

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00:06:09.980 --> 00:06:16.460
Denn stell dir einmal die Warnleuchte in einem Auto vor. Wenn sie aufleuchtet,

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00:06:16.460 --> 00:06:19.400
könnten wir natürlich ein Stück schwarzes Klebeband darüber kleben.

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00:06:20.140 --> 00:06:21.180
Dann sehen wir sie nicht mehr.

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00:06:22.480 --> 00:06:23.940
Das Licht wäre verschwunden.

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00:06:26.180 --> 00:06:28.620
Aber das, worauf es uns aufmerksam machen wollte,

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00:06:28.900 --> 00:06:30.160
wäre möglicherweise immer noch da.

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00:06:32.900 --> 00:06:36.320
Und vielleicht machen wir genau das manchmal mit unseren Gefühlen.

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00:06:38.100 --> 00:06:41.020
Wir versuchen nicht herauszufinden, warum sie da sind.

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00:06:42.720 --> 00:06:46.340
Wir versuchen zuerst, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

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00:06:46.460 --> 00:06:52.020
Doch was wäre, wenn wir unsere Gefühle nicht immer sofort verändern müssten?

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00:06:52.020 --> 00:06:58.220
Was wäre, wenn wir sie zunächst einmal wahrnehmen dürften?

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00:06:58.220 --> 00:07:07.700
Ohne sie zu bewerten, ohne uns dafür zu verurteilen und ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen.

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00:07:07.700 --> 00:07:13.740
Denn ein Gefühl zuzulassen bedeutet nicht, dass dieses Gefühl bestimmen muss, was du

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00:07:13.740 --> 00:07:14.740
tust.

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00:07:14.740 --> 00:07:19.520
Du darfst wütend sein, ohne jemanden verletzen zu müssen.

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00:07:19.520 --> 00:07:26.680
Du darfst Angst haben, ohne dass deine Angst jede Entscheidung für dich treffen muss.

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00:07:26.680 --> 00:07:35.580
Du darfst traurig sein, ohne dass deshalb mit dir etwas nicht stimmt.

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00:07:35.580 --> 00:07:39.400
Vielleicht bedeutet die emotionale Stärke gar nicht, bestimmte Gefühle nicht mehr zu

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00:07:39.400 --> 00:07:41.400
haben.

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00:07:41.400 --> 00:07:46.180
Vielleicht bedeutet sie viel mehr, ihnen begegnen zu können, ohne sofort vor ihnen weglaufen zu müssen.

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00:07:48.040 --> 00:07:50.840
Und genau dort möchte ich heute gemeinsam mit dir etwas genauer hinschauen.

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00:07:52.300 --> 00:07:56.260
Denn wenn emotionale Stärke gar nicht bedeutet, bestimmte Gefühle nicht mehr zu haben,

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00:07:57.220 --> 00:07:59.320
stellt sich eigentlich eine spannende Frage.

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00:08:00.680 --> 00:08:05.180
Warum versuchen wir dann so häufig, genau diese Gefühle möglichst schnell wieder loszuwerden?

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00:08:05.180 --> 00:08:12.660
Ich glaube, ein Grund dafür ist, dass wir in unserem Leben immer wieder erleben, wie

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00:08:12.660 --> 00:08:14.420
unterschiedlich Gefühle bewertet werden.

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00:08:14.420 --> 00:08:19.640
Wenn jemand glücklich ist, freuen wir uns mit ihm.

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00:08:19.640 --> 00:08:24.040
Wenn jemand voller Energie ist, wirkt das positiv.

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00:08:24.040 --> 00:08:29.180
Wenn jemand motiviert ist, finden wir das gut.

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00:08:29.180 --> 00:08:33.460
Doch sobald jemand traurig ist, entsteht häufig sofort der Wunsch, diese Traurigkeit

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00:08:33.460 --> 00:08:34.460
zu verändern.

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00:08:34.460 --> 00:08:37.620
Kopf hoch, das wird schon wieder.

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00:08:39.100 --> 00:08:40.420
Denk nicht so viel darüber nach.

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00:08:42.320 --> 00:08:43.360
Versuch dich abzulenken.

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00:08:46.020 --> 00:08:49.200
Und natürlich sind solche Sätze meistens liebevoll gemeint.

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00:08:50.680 --> 00:08:53.120
Wir möchten, dass es dem anderen Menschen wieder besser geht.

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00:08:54.940 --> 00:09:00.040
Aber vielleicht steckt darin manchmal auch eine Botschaft, die wir gar nicht bewusst senden.

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00:09:00.040 --> 00:09:04.680
Dieses Gefühl sollte möglichst schnell wieder verschwinden.

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00:09:04.680 --> 00:09:07.620
Ähnlich ist es mit Angst.

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00:09:07.620 --> 00:09:15.000
Wenn jemand Angst hat, sagen wir vielleicht, du brauchst doch keine Angst zu haben.

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00:09:15.000 --> 00:09:20.800
Doch nur weil wir einem Menschen sagen, dass er keine Angst haben muss, verschwindet seine

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00:09:20.800 --> 00:09:21.880
Angst nicht automatisch.

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00:09:21.880 --> 00:09:28.160
Und vielleicht braucht dieser Mensch in diesem Moment auch gar nicht jemanden, der ihm erklärt,

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00:09:28.160 --> 00:09:34.940
warum seine Angst unbegründet ist. Vielleicht braucht er zunächst jemanden, der sagt,

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00:09:34.940 --> 00:09:45.200
ich sehe, dass du gerade Angst hast. Was macht dir denn Angst? Das ist ein großer Unterschied.

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00:09:45.200 --> 00:09:53.480
Das eine versucht das Gefühl möglichst schnell zu verändern, das andere gibt ihm zunächst einmal

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00:09:53.480 --> 00:10:01.580
Raum und ich glaube genau das fällt uns häufig schwer. Nicht nur bei anderen Menschen, sondern

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00:10:01.580 --> 00:10:10.340
auch bei uns selbst. Wenn wir traurig sind, wollen wir möglichst schnell wieder glücklich sein. Wenn

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00:10:10.340 --> 00:10:17.120
wir Angst haben, wollen wir möglichst schnell wieder Sicherheit spüren. Wenn wir wütend sind,

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00:10:17.120 --> 00:10:25.200
wollen wir uns möglichst schnell beruhigen. Wenn wir enttäuscht sind, möchten wir möglichst schnell

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00:10:25.200 --> 00:10:32.360
darüber hinwegkommen. Wir haben manchmal das Gefühl, jedes unangenehme Gefühl würde möglichst

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00:10:32.360 --> 00:10:39.140
schnell durch ein angenehmes Ersatz werden. Doch vielleicht funktioniert unser Inneres gar nicht so.

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00:10:39.140 --> 00:10:43.840
Stell dir einmal vor, draußen regnet es.

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00:10:43.840 --> 00:10:45.260
Du kannst dich darüber ärgern.

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00:10:45.260 --> 00:10:48.380
Du kannst dir wünschen, dass die Sonne scheint.

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00:10:48.380 --> 00:10:55.460
Du kannst hundertmal aus dem Fenster schauen und denken, der Regen soll endlich aufhören.

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00:10:55.460 --> 00:10:59.200
Aber dadurch hört es nicht schneller auf zu regnen.

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00:10:59.200 --> 00:11:06.320
Vielleicht kannst du für diesen Moment nur akzeptieren, es regnet gerade.

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00:11:06.320 --> 00:11:11.080
Und genau das bedeutet nicht, dass es für immer regnen wird.

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00:11:11.080 --> 00:11:15.620
Ich glaube, mit Gefühlen ist es manchmal ähnlich.

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00:11:15.620 --> 00:11:19.120
Ein Gefühl anzunehmen bedeutet nicht, so würde es jetzt für immer bleiben.

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00:11:19.120 --> 00:11:24.260
Es bedeutet zunächst nur, so fühlt es sich gerade an.

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00:11:24.260 --> 00:11:31.420
Und vielleicht nimmt genau das schon unglaublich viel Druck heraus.

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00:11:31.420 --> 00:11:35.480
Denn zusätzlich zu einem unangenehmen Gefühl entsteht häufig noch ein zweites Problem.

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00:11:35.480 --> 00:11:39.160
Wir bewerten uns dafür, dass wir dieses Gefühl überhaupt haben.

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00:11:39.160 --> 00:11:45.300
Wir sind traurig und denken, ich dürfte doch eigentlich gar nicht traurig sein.

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00:11:45.300 --> 00:11:50.280
Wir haben Angst und denken, warum bin ich nicht stärker?

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00:11:50.280 --> 00:11:57.920
Wir sind wütend und denken, so sollte ich doch gar nicht fühlen.

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00:11:57.920 --> 00:12:02.720
Und plötzlich tragen wir nicht mehr nur das ursprüngliche Gefühl.

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00:12:02.720 --> 00:12:06.060
Wir tragen zusätzlich noch den Kampf dagegen.

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00:12:06.060 --> 00:12:11.780
Vielleicht ist es ein bisschen so, als würdest du einen schweren Rucksack tragen.

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00:12:11.780 --> 00:12:14.340
Der Rucksack ist schon da.

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00:12:14.340 --> 00:12:20.060
Aber anstatt ihn für einen Moment abzustellen und hineinzuschauen, was eigentlich darin

141
00:12:20.060 --> 00:12:24.280
ist, legst du noch einen zweiten Rucksack obendrauf.

142
00:12:24.280 --> 00:12:30.100
Gefüllt mit Selbstkritik, mit Schuldgefühlen, mit dem Gedanken, ich darf mich nicht so fühlen.

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00:12:30.100 --> 00:12:34.160
Und plötzlich wird alles noch schwerer.

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00:12:34.160 --> 00:12:41.640
Vielleicht ist deshalb manchmal gar nicht das Gefühl allein das größte Problem, sondern

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00:12:41.640 --> 00:12:42.720
unser Widerstand dagegen.

146
00:12:42.720 --> 00:12:49.060
Und besonders deutlich wird es für mich bei einem Gefühl, mit dem viele Menschen Schwierigkeiten

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00:12:49.060 --> 00:12:50.060
haben.

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00:12:50.060 --> 00:12:51.060
Wut.

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00:12:51.060 --> 00:12:55.860
Wut hat häufig einen schlechten Ruf.

150
00:12:55.860 --> 00:13:04.280
Ein wütender Mensch gilt schnell als aggressiv, als schwierig, als unkontrolliert.

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00:13:05.780 --> 00:13:10.200
Aber Wut und aggressives Verhalten sind nicht dasselbe.

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00:13:12.260 --> 00:13:14.440
Wut ist zunächst einmal ein Gefühl.

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00:13:16.100 --> 00:13:18.500
Was wir daraus machen, ist etwas anderes.

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00:13:20.380 --> 00:13:24.240
Vielleicht entsteht Wut, weil jemand eine Grenze überschritten hat.

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00:13:25.860 --> 00:13:29.040
Vielleicht, weil wir uns ungerecht behandelt fühlen.

156
00:13:30.780 --> 00:13:33.140
Vielleicht, weil uns etwas verletzt hat.

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00:13:35.180 --> 00:13:37.900
Vielleicht, weil uns etwas wichtig ist.

158
00:13:39.780 --> 00:13:41.900
Das bedeutet nicht, dass wir deshalb schreien müssen.

159
00:13:43.440 --> 00:13:45.620
Es bedeutet nicht, dass wir jemanden verletzen dürfen.

160
00:13:47.380 --> 00:13:52.180
Und es bedeutet auch nicht, dass jede Reaktion aus Wut automatisch richtig ist.

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00:13:52.180 --> 00:13:58.060
Aber vielleicht dürfen wir trotzdem fragen, warum bin ich gerade wütend?

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00:13:58.060 --> 00:14:04.940
Denn ein Gefühl zuzulassen und einem Gefühl blind zu folgen, sind zwei völlig unterschiedliche

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00:14:04.940 --> 00:14:05.940
Dinge.

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00:14:05.940 --> 00:14:07.740
Und das gilt nicht nur für Wut.

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00:14:07.740 --> 00:14:13.140
Du kannst Angst wahrnehmen und trotzdem mutig handeln.

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00:14:13.140 --> 00:14:20.100
Du kannst traurig sein und trotzdem wissen, dass wieder andere Tage kommen werden.

167
00:14:20.100 --> 00:14:25.780
Du kannst enttäuscht sein und trotzdem weitergehen.

168
00:14:25.780 --> 00:14:29.500
Vielleicht ist genau das emotionale Stärke.

169
00:14:29.500 --> 00:14:37.860
Nicht zu sagen, ich fühle das nicht, sondern sagen zu können, ich fühle das gerade.

170
00:14:37.860 --> 00:14:42.180
Und ich entscheide trotzdem bewusst, wie ich damit umgehe.

171
00:14:42.180 --> 00:14:49.380
Und vielleicht müssen wir deshalb auch mit einem Gedanken vorsichtig sein, der uns heute

172
00:14:49.380 --> 00:14:57.440
sehr häufig begegnet. Denk positiv. Ich glaube, eine positive Haltung kann unglaublich wertvoll

173
00:14:57.440 --> 00:15:04.840
sein. Es kann uns helfen, Möglichkeiten zu sehen, Hoffnung zu behalten, nicht in jedem

174
00:15:04.840 --> 00:15:11.920
Problem nur das Negative zu suchen. Aber positives Denken bedeutet für mich nicht,

175
00:15:12.460 --> 00:15:18.660
dass für unangenehme Gefühle kein Platz mehr sein darf. Denn, wenn ich traurig bin und mir

176
00:15:18.660 --> 00:15:24.340
einfach sage, ich muss jetzt positiv denken, habe ich meine Traurigkeit vielleicht nicht

177
00:15:24.340 --> 00:15:32.020
verarbeitet. Ich habe sie möglicherweise nur überdeckt. Es ist ein bisschen so, als hätten

178
00:15:32.020 --> 00:15:38.460
wir einen Raum, in dem etwas herumliegt, das uns stört. Wir könnten den Raum aufräumen.

179
00:15:39.800 --> 00:15:47.520
Oder wir könnten einfach das Licht ausschalten. Wenn das Licht aus ist, sehen wir das Chaos

180
00:15:47.520 --> 00:15:53.780
nicht mehr. Aber deshalb ist der Raum nicht aufgeräumt. Manchmal machen wir vielleicht

181
00:15:53.780 --> 00:16:01.080
genau das mit unseren Gefühlen. Wir schalten innerlich das Licht aus. Wir lenken uns ab.

182
00:16:02.340 --> 00:16:11.420
Wir funktionieren. Wir sagen uns, dass alles gut ist. Und von außen sieht vielleicht tatsächlich

183
00:16:11.420 --> 00:16:18.880
alles gut aus. Doch das bedeutet nicht automatisch, dass in uns nichts mehr da ist. Vielleicht

184
00:16:18.880 --> 00:16:24.420
besteht echte Positivität deshalb gar nicht darin, das Schwierige nicht mehr sehen zu wollen.

185
00:16:26.760 --> 00:16:32.800
Vielleicht besteht sie darin, auch schwierige Gefühle anschauen zu können und trotzdem darauf

186
00:16:32.800 --> 00:16:39.780
zu vertrauen, dass sie nicht für immer bleiben müssen. Denn kein Gefühl definiert dich vollständig.

187
00:16:39.780 --> 00:16:43.280
Du bist nicht deine Angst.

188
00:16:43.280 --> 00:16:46.280
Du bist nicht deine Wut.

189
00:16:46.280 --> 00:16:48.880
Du bist nicht deine Traurigkeit.

190
00:16:48.880 --> 00:16:57.280
Du bist ein Mensch, der gerade Angst, Wut oder Traurigkeit empfindet.

191
00:16:57.280 --> 00:17:01.580
Und dieser kleine Unterschied kann unglaublich viel verändern.

192
00:17:01.580 --> 00:17:04.580
Denn Gefühle kommen.

193
00:17:04.580 --> 00:17:06.580
Gefühle verändern sich.

194
00:17:06.580 --> 00:17:08.580
Und Gefühle gehen auch wieder.

195
00:17:08.580 --> 00:17:13.760
Vielleicht müssen wir deshalb nicht jedes unangenehme Gefühl sofort loswerden.

196
00:17:13.760 --> 00:17:23.960
Vielleicht dürfen wir manchmal einfach lernen, für einen Moment bei ihm zu bleiben, hinzuhören,

197
00:17:23.960 --> 00:17:30.420
es ernst zu nehmen und uns zu fragen, was möchtest du mir gerade zeigen?

198
00:17:30.420 --> 00:17:35.760
Ich glaube, allein diese Frage kann unseren Umgang mit Gefühlen verändern.

199
00:17:35.760 --> 00:17:44.220
Denn plötzlich versuchen wir nicht mehr sofort ein Gefühl loszuwerden, wir werden neugierig.

200
00:17:44.220 --> 00:17:50.440
Und genau dabei muss ich an ein Beispiel aus meiner Arbeit denken.

201
00:17:50.440 --> 00:17:54.760
An einen Menschen, der immer wieder sehr wütend wurde.

202
00:17:54.760 --> 00:18:03.160
Auf bestimmte Situationen, auf andere Menschen, manchmal sogar auf Kleinigkeiten.

203
00:18:03.160 --> 00:18:10.360
Und irgendwann entstand natürlich die Frage, warum werde ich eigentlich so schnell wütend?

204
00:18:10.360 --> 00:18:14.200
Vielleicht kennst du solche Situationen auch selbst.

205
00:18:14.200 --> 00:18:18.660
Es passiert etwas, das von außen betrachtet eigentlich gar nicht so groß erscheint.

206
00:18:18.660 --> 00:18:21.160
Ein falscher Satz.

207
00:18:21.160 --> 00:18:23.160
Eine Bemerkung.

208
00:18:23.160 --> 00:18:27.160
Eine kleine Situation.

209
00:18:27.160 --> 00:18:31.160
Und plötzlich merkst du, da ist unglaublich viel Wut.

210
00:18:31.160 --> 00:18:38.300
Wut. Oft versuchen wir dann nur, diese Wut wieder loszuwerden. Wir sagen uns, reg dich nicht so auf.

211
00:18:40.140 --> 00:18:49.860
Das ist es doch gar nicht wert. Beruhig dich. Doch in diesem Fall haben wir etwas anderes gemacht.

212
00:18:50.720 --> 00:18:58.120
Wir haben die Wut nicht sofort weggeschoben. Wir haben uns angeschaut, warum ist sie eigentlich da?

213
00:18:58.120 --> 00:19:06.320
Und im Laufe der Gespräche wurde immer deutlicher, hinter dieser Wut steckte etwas ganz anderes.

214
00:19:08.740 --> 00:19:09.300
Verletzung

215
00:19:09.300 --> 00:19:15.880
Dieser Mensch hatte über einen langen Zeitraum Dinge erlebt, die ihn verletzt haben.

216
00:19:17.240 --> 00:19:19.440
Doch diese Verletzung hatte kaum Raum bekommen.

217
00:19:21.320 --> 00:19:23.740
Traurig zu sein, fühlte sich für ihn verletzlich an.

218
00:19:25.180 --> 00:19:26.680
Wütend zu sein, dagegen stark.

219
00:19:28.120 --> 00:19:31.680
Und so hatte sich über die Zeit etwas entwickelt.

220
00:19:33.960 --> 00:19:38.500
Die Wut war das Gefühl, das nach außen sichtbar wurde.

221
00:19:39.920 --> 00:19:42.120
Aber darunter lag etwas, das viel leiser war.

222
00:19:43.420 --> 00:19:45.560
Und ich finde dieses Bild unglaublich wichtig.

223
00:19:47.020 --> 00:19:50.720
Denn vielleicht sind manche Gefühle wie die Spitze eines Eisbergs.

224
00:19:51.720 --> 00:19:52.980
Wir sehen oben die Wut.

225
00:19:53.980 --> 00:19:57.740
Aber unter der Wasseroberfläche liegen vielleicht Enttäuschungen.

226
00:19:58.120 --> 00:20:09.300
Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder das Gefühl, nicht gesehen worden zu sein.

227
00:20:11.940 --> 00:20:19.040
Und wenn wir nur versuchen, die Spitze des Eisbergs wegzubekommen, verstehen wir vielleicht nie, was darunter liegt.

228
00:20:21.200 --> 00:20:25.060
Das bedeutet natürlich nicht, dass hinter jeder Wut automatische Verletzung steckt.

229
00:20:25.060 --> 00:20:31.820
Und es bedeutet auch nicht, dass wir jedes Gefühl bis ins kleinste Detail analysieren müssen.

230
00:20:31.820 --> 00:20:41.080
Aber es zeigt etwas. Gefühle können verschiedene Ebenen haben. Und manchmal lohnt es sich,

231
00:20:41.080 --> 00:20:46.480
nicht bei der ersten stehen zu bleiben. Vielleicht kennst du das auch aus deinem

232
00:20:46.480 --> 00:20:57.080
eigenen Leben. Du bist genervt, aber eigentlich bist du überfordert. Du bist wütend, aber eigentlich

233
00:20:57.080 --> 00:21:08.320
hatte ich etwas verletzt. Du bist unruhig, aber vielleicht macht dir etwas Angst. Oder du bist

234
00:21:08.320 --> 00:21:14.680
plötzlich unglaublich emotional und merkst erst später, eigentlich habe ich schon seit Tagen viel

235
00:21:14.680 --> 00:21:20.600
zu viel getragen. Und genau deshalb glaube ich, dass die Frage, was ist gerade mit mir los,

236
00:21:21.240 --> 00:21:28.140
manchmal weniger hilfreich ist, als was brauche ich gerade. Denn das eine klingt schnell so,

237
00:21:28.260 --> 00:21:34.520
als wäre etwas mit uns nicht richtig. Das andere lädt uns dazu ein, uns selbst zuzuhören.

238
00:21:34.520 --> 00:21:39.640
Vielleicht brauchst du gerade Ruhe.

239
00:21:39.640 --> 00:21:43.560
Vielleicht ein Gespräch.

240
00:21:43.560 --> 00:21:47.280
Vielleicht Abstand.

241
00:21:47.280 --> 00:21:51.760
Vielleicht möchtest du weinen.

242
00:21:51.760 --> 00:21:57.760
Vielleicht brauchst du einen Moment für dich.

243
00:21:57.760 --> 00:22:03.200
Oder vielleicht musst du gerade noch gar nicht wissen, was du brauchst.

244
00:22:03.200 --> 00:22:08.340
Vielleicht reicht es zunächst einmal zu sagen, da ist gerade etwas in mir.

245
00:22:09.920 --> 00:22:11.280
Und es sein zu lassen.

246
00:22:13.040 --> 00:22:17.180
Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie ungewohnt genau das für viele Menschen ist.

247
00:22:19.020 --> 00:22:23.120
Ein Gefühl wahrzunehmen, ohne es sofort verändern zu wollen.

248
00:22:25.760 --> 00:22:28.780
Stell dir vor, ein guter Freund sitzt neben dir und ist traurig.

249
00:22:28.780 --> 00:22:35.960
Würdest du nach drei Minuten sagen, so, jetzt reicht es aber, jetzt musst du wieder glücklich sein?

250
00:22:37.420 --> 00:22:38.300
Wahrscheinlich nicht, oder?

251
00:22:39.740 --> 00:22:41.620
Vielleicht würdest du einfach neben ihm sitzen.

252
00:22:43.080 --> 00:22:44.220
Vielleicht würdest du zuhören.

253
00:22:45.660 --> 00:22:47.020
Vielleicht würdest du ihm Zeit geben.

254
00:22:49.680 --> 00:22:53.160
Warum fällt uns bei uns selbst manchmal so schwer, genau dasselbe zu tun?

255
00:22:55.220 --> 00:22:58.540
Warum muss unsere eigene Traurigkeit sofort verschwinden?

256
00:22:58.780 --> 00:23:04.660
Warum darf unsere Angst nicht für einen Moment da sein?

257
00:23:04.660 --> 00:23:10.780
Warum müssen wir unsere Wut sofort verurteilen?

258
00:23:10.780 --> 00:23:19.360
Vielleicht dürfen wir lernen, unseren Gefühlen so zu begegnen, wie wir einem Menschen begegnen

259
00:23:19.360 --> 00:23:21.160
würden, der gerade etwas Schwieriges erlebt.

260
00:23:21.160 --> 00:23:24.940
Nicht alles muss sofort repariert werden.

261
00:23:24.940 --> 00:23:29.140
Manchmal braucht etwas zuerst etwas Raum.

262
00:23:29.140 --> 00:23:35.500
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Gefühle anfangen können, sich zu verändern.

263
00:23:35.500 --> 00:23:42.820
Nicht, weil wir sie bekämpfen, sondern weil wir aufgehört haben, gegen sie zu kämpfen.

264
00:23:42.820 --> 00:23:47.600
Dabei ist mir aber noch etwas ganz wichtig.

265
00:23:47.600 --> 00:23:53.360
Gefühle ernst zu nehmen, bedeutet nicht, jede Entscheidung aus einem Gefühl heraus zu treffen.

266
00:23:53.360 --> 00:24:00.040
Denn Gefühle sind Informationen, aber sie sind nicht automatisch Anweisungen.

267
00:24:00.040 --> 00:24:03.860
Wenn ich wütend bin, darf ich meine Wut ernst nehmen.

268
00:24:03.860 --> 00:24:08.920
Aber meine Wut gibt mir nicht das Recht, einen anderen Menschen zu verletzen.

269
00:24:08.920 --> 00:24:15.580
Wenn ich Angst habe, darf ich meine Angst ernst nehmen.

270
00:24:15.580 --> 00:24:19.900
Aber ich darf trotzdem prüfen, ob tatsächlich eine Gefahr besteht.

271
00:24:19.900 --> 00:24:29.360
Und wenn ich traurig bin, darf ich traurig sein, ohne daraus schließen zu müssen, dass mein gesamtes Leben schlecht ist.

272
00:24:32.660 --> 00:24:35.380
Vielleicht kann man es sich ein bisschen wie einen Brief vorstellen.

273
00:24:36.660 --> 00:24:38.920
Ein Gefühl legt dir einen Brief auf den Tisch.

274
00:24:40.280 --> 00:24:41.960
Du kannst ihn ungeöffnet wegwerfen.

275
00:24:43.720 --> 00:24:46.960
Du kannst aber auch hineinschauen und lesen, was darin steht.

276
00:24:46.960 --> 00:24:54.220
Doch nur, weil du den Brief gelesen hast, musst du nicht automatisch alles tun, was

277
00:24:54.220 --> 00:24:56.280
darin vorgeschlagen wird.

278
00:24:56.280 --> 00:24:58.460
Du entscheidest immer noch selbst.

279
00:24:58.460 --> 00:25:03.640
Und genau darin liegt für mich ein sehr wichtiger Unterschied.

280
00:25:03.640 --> 00:25:07.720
Gefühle zulassen bedeutet nicht, die Kontrolle abzugeben.

281
00:25:07.720 --> 00:25:10.460
Vielleicht bedeutet das sogar das Gegenteil.

282
00:25:10.460 --> 00:25:16.920
Denn erst wenn ich weiß, was gerade in mir passiert, kann ich bewusst

283
00:25:16.920 --> 00:25:22.780
entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Vielleicht liegt darin eine ganz andere Form

284
00:25:22.780 --> 00:25:30.840
von Stärke. Nicht darin, nichts mehr fühlen zu fühlen, sondern darin, fühlen zu können,

285
00:25:32.060 --> 00:25:37.960
ohne von jedem Gefühl vollständig mitgerissen zu werden. Vielleicht dürfen wir deshalb aufhören,

286
00:25:38.100 --> 00:25:44.200
uns zu fragen, wie bekomme ich dieses Gefühl möglichst schnell weg und stattdessen manchmal

287
00:25:44.200 --> 00:25:51.220
fragen, was möchte mir dieses Gefühl gerade sagen und was mache ich mit dieser Information?

288
00:25:53.400 --> 00:25:59.840
Vielleicht ist genau das eine Frage, die wir uns viel häufiger stellen dürfen. Denn wenn wir

289
00:25:59.840 --> 00:26:04.620
anfangen, Gefühle nicht mehr nur als etwas Störendes zu betrachten, verändert sich unser

290
00:26:04.620 --> 00:26:13.100
Blick auf sie. Und genau an diesem Punkt möchte ich dir noch eine andere Frage stellen. Was

291
00:26:13.100 --> 00:26:17.700
Was passiert eigentlich mit einem Gefühl, für das in unserem Leben nie Platz sein darf?

292
00:26:19.540 --> 00:26:23.000
Mit einer Traurigkeit, die wir jedes Mal sofort wegdrücken?

293
00:26:24.840 --> 00:26:28.020
Mit einer Wut, die wir uns niemals erlauben?

294
00:26:29.880 --> 00:26:32.800
Mit einer Angst, für die wir uns schämen?

295
00:26:35.060 --> 00:26:39.300
Mit einer Entscheidung, über die wir möglichst schnell hinwegkommen wollen?

296
00:26:39.300 --> 00:26:44.140
Vielleicht verschwindet ein Gefühl manchmal tatsächlich wieder.

297
00:26:45.640 --> 00:26:47.080
Gefühle kommen und gehen.

298
00:26:48.880 --> 00:26:52.020
Doch vielleicht gibt es auch Gefühle, die immer wieder auftauchen.

299
00:26:53.240 --> 00:26:57.120
Nicht, weil sie uns ärgern wollen, nicht, weil mit uns etwas nicht stimmt,

300
00:26:58.700 --> 00:27:03.520
sondern vielleicht, weil etwas in uns noch Aufmerksamkeit braucht.

301
00:27:05.940 --> 00:27:08.240
Stell dir vor, du bekommst einen Brief.

302
00:27:08.240 --> 00:27:12.080
Du öffnest ihn nicht, du legst ihn in eine Schublade.

303
00:27:12.080 --> 00:27:14.720
Am nächsten Tag kommt der nächste Brief.

304
00:27:14.720 --> 00:27:16.580
Auch den legst du hinein.

305
00:27:16.580 --> 00:27:18.320
Und dann noch einen.

306
00:27:18.320 --> 00:27:20.240
Und noch einen.

307
00:27:20.240 --> 00:27:23.720
Von außen sieht die Wohnung weiterhin ordentlich aus.

308
00:27:23.720 --> 00:27:26.180
Die Briefe sind schließlich alle weggeräumt.

309
00:27:26.180 --> 00:27:29.840
Doch irgendwann ist die Schublade voll.

310
00:27:29.840 --> 00:27:32.540
Und genau dieses Bild finde ich spannend.

311
00:27:32.540 --> 00:27:36.500
Denn vielleicht bedeutet Verdrängen manchmal nicht, dass etwas verschwunden ist.

312
00:27:36.500 --> 00:27:41.080
Vielleicht bedeutet es nur, dass wir es gerade nicht mehr sehen.

313
00:27:41.080 --> 00:27:47.900
Und irgendwann merken wir vielleicht, da ist etwas, das immer wieder auftaucht.

314
00:27:47.900 --> 00:27:54.800
Vielleicht in ähnlichen Situationen, vielleicht bei bestimmten Menschen, vielleicht bei bestimmten

315
00:27:54.800 --> 00:27:55.800
Themen.

316
00:27:55.800 --> 00:28:02.040
Und anstatt dann zu denken, warum passiert mir das schon wieder, könnten wir vielleicht

317
00:28:02.040 --> 00:28:03.120
einmal neugierig werden.

318
00:28:03.120 --> 00:28:07.920
Warum berührt mich genau diese Situation eigentlich so sehr?

319
00:28:10.640 --> 00:28:14.000
Warum macht mich genau dieser Satz so wütend?

320
00:28:16.660 --> 00:28:20.260
Warum macht mir genau dieses Thema solche Angst?

321
00:28:22.020 --> 00:28:23.580
Warum trifft mich das gerade so?

322
00:28:24.640 --> 00:28:27.320
Nicht jede dieser Fragen braucht sofort eine Antwort.

323
00:28:28.840 --> 00:28:31.600
Und manchmal finden wir die Antwort auch nicht alleine.

324
00:28:33.120 --> 00:28:37.120
Aber vielleicht ist bereits die Bereitschaft hinzuschauen ein wichtiger Unterschied.

325
00:28:38.900 --> 00:28:45.780
Denn wenn wir ein Gefühl unser ganzes Leben lang nur wegschieben, lernen wir vielleicht nie kennen, was dahinter liegt.

326
00:28:48.080 --> 00:28:50.200
Und ich glaube, genau hier passiert noch etwas anderes.

327
00:28:52.520 --> 00:28:58.500
Wenn wir bestimmte Gefühle nicht haben wollen, beginnen wir manchmal, Teile von uns selbst abzulehnen.

328
00:28:58.500 --> 00:29:08.460
Dann sagen wir einfach nicht mehr nur, ich möchte diese Angst nicht, sondern vielleicht irgendwann, ich darf keine Angst haben.

329
00:29:10.080 --> 00:29:15.200
Nicht mehr, ich bin gerade traurig, sondern ich sollte nicht traurig sein.

330
00:29:16.580 --> 00:29:21.160
Nicht mehr, ich bin wütend, sondern ich darf nicht wütend sein.

331
00:29:22.260 --> 00:29:26.720
Und plötzlich wird aus einem Gefühl eine Bewertung unserer eigenen Person.

332
00:29:26.720 --> 00:29:30.940
Dabei ist ein Gefühl zunächst einmal kein Charakterfehler.

333
00:29:30.940 --> 00:29:33.960
Angst macht dich nicht schwach.

334
00:29:33.960 --> 00:29:37.660
Traurigkeit macht dich nicht negativ.

335
00:29:37.660 --> 00:29:41.840
Wut macht dich nicht zu einem schlechten Menschen.

336
00:29:41.840 --> 00:29:47.960
Und Überforderung bedeutet nicht automatisch, dass du dein Leben nicht im Griff hast.

337
00:29:47.960 --> 00:29:53.180
Es bedeutet zunächst einmal, da ist gerade ein Gefühl.

338
00:29:53.180 --> 00:29:54.560
Mehr nicht.

339
00:29:54.560 --> 00:29:59.060
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir wieder lernen dürfen.

340
00:29:59.060 --> 00:30:01.900
Wir müssen nicht jedes Gefühl mögen.

341
00:30:01.900 --> 00:30:05.420
Wir müssen auch nicht jedes Gefühl schönreden.

342
00:30:05.420 --> 00:30:10.280
Und wir müssen auch nicht in jedem Gefühl stundenlang verweilen.

343
00:30:10.280 --> 00:30:18.140
Aber vielleicht dürfen wir wieder aufhören, uns selbst dafür abzulehnen, dass wir es

344
00:30:18.140 --> 00:30:19.140
überhaupt empfinden.

345
00:30:19.140 --> 00:30:24.080
Denn stell dir einmal vor, in deinem Zuhause gäbe es einen Raum, den du niemals betreten

346
00:30:24.080 --> 00:30:31.080
darfst. Die Tür bleibt immer verschlossen. Du läufst jeden Tag daran vorbei. Du weißt,

347
00:30:31.700 --> 00:30:38.320
dass dieser Raum zu deinem Haus gehört. Aber du hast irgendwann gelernt, da darf ich nicht

348
00:30:38.320 --> 00:30:45.000
hinein. Vielleicht wäre irgendwann gar nicht mehr der Raum selbst das Beängstigende, sondern

349
00:30:45.000 --> 00:30:53.240
die Vorstellung davon, was ich dahinter befinden könnte. Und vielleicht ist es mit manchen

350
00:30:53.240 --> 00:30:58.380
Gefühlen ähnlich. Je länger wir ihnen ausweichen, desto größer können sie in unserer Vorstellung

351
00:30:58.380 --> 00:31:04.460
werden. Doch manchmal stellen wir fest, wenn wir die Tür irgendwann vorsichtig öffnen,

352
00:31:05.780 --> 00:31:12.440
da ist etwas, das wir aushalten können. Vielleicht nicht angenehm, vielleicht nicht leicht, aber

353
00:31:12.440 --> 00:31:21.200
aushaltbar. Und vielleicht merken wir sogar, ich muss davor gar nicht mein ganzes Leben weglaufen.

354
00:31:21.200 --> 00:31:25.260
Ich kann traurig sein und trotzdem weiterleben.

355
00:31:26.300 --> 00:31:30.720
Ich kann Angst spüren und trotzdem einen nächsten Schritt gehen.

356
00:31:32.700 --> 00:31:37.380
Ich kann wütend sein und trotzdem bewusst entscheiden, wie ich handle.

357
00:31:39.620 --> 00:31:44.160
Ich kann enttäuscht sein und trotzdem irgendwann wieder Vertrauen empfinden.

358
00:31:46.580 --> 00:31:49.500
Gefühle und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus.

359
00:31:51.200 --> 00:31:54.540
Und vielleicht liegt genau darin etwas unglaublich Verfreiendes.

360
00:31:55.620 --> 00:31:59.500
Wir müssen nicht erst vollkommen angstfrei sein, bevor wir mutig sein können.

361
00:32:00.940 --> 00:32:06.340
Wir müssen nicht erst jede Traurigkeit überwunden haben, bevor wir wieder schöne Momente erleben dürfen.

362
00:32:08.920 --> 00:32:13.360
Und wir müssen nicht immer vollkommen ruhig sein, um gute Entscheidungen treffen zu können.

363
00:32:13.360 --> 00:32:20.260
Vielleicht haben wir manchmal die Vorstellung, wir müssen uns erst innerlich reparieren,

364
00:32:20.260 --> 00:32:24.580
bevor wir unser Leben weiterleben dürfen. Doch vielleicht geht es gar nicht darum.

365
00:32:24.580 --> 00:32:33.160
Vielleicht geht es darum, auch mit den Teilen von uns leben zu lernen, die uns nicht immer leicht sind.

366
00:32:33.160 --> 00:32:38.200
Denn ein gesundes Leben bedeutet für mich nicht, jeden Tag glücklich zu sein.

367
00:32:38.200 --> 00:32:46.120
Es bedeutet auch nicht, niemals Angst zu haben, niemals traurig zu sein, niemals wütend zu werden.

368
00:32:46.120 --> 00:32:49.180
Das wäre wahrscheinlich kein menschliches Leben.

369
00:32:49.180 --> 00:32:57.220
Vielleicht bedeutet Gesundheit auch, einen Umgang mit diesen Gefühlen zu finden, sie wahrzunehmen,

370
00:32:57.220 --> 00:33:05.200
sie ernst zu nehmen, zu verstehen, wenn es möglich ist und gleichzeitig zu wissen,

371
00:33:05.200 --> 00:33:09.260
dieses Gefühl ist gerade ein Teil meiner Erfahrung.

372
00:33:10.640 --> 00:33:12.640
Aber es ist nicht meine ganze Geschichte.

373
00:33:14.260 --> 00:33:17.580
Vielleicht ist genau das der Gedanke, den ich dir aus diesem Abschnitt mitgeben möchte.

374
00:33:18.980 --> 00:33:23.420
Du musst nicht jedes Gefühl loswerden, um mit dir selbst in Frieden sein zu können.

375
00:33:25.060 --> 00:33:31.640
Manchmal beginnt Frieden vielleicht genau dort, wo wir aufhören, gegen alles in uns kämpfen zu wollen.

376
00:33:31.640 --> 00:33:39.040
Und genau diesen Gedanken möchte ich heute zum Abschluss noch einmal bei dir lassen.

377
00:33:39.040 --> 00:33:42.920
Denn vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann nur noch die Gefühle zu haben,

378
00:33:42.920 --> 00:33:45.420
die wir gerne hätten.

379
00:33:45.420 --> 00:33:50.200
Vielleicht geht es darum, auch mit den Gefühlen umgehen zu lernen, die unangenehm sind.

380
00:33:50.200 --> 00:34:01.240
Mit der Angst, mit der Traurigkeit, mit der Wut, mit der Enttäuschung, mit all den Dingen,

381
00:34:01.240 --> 00:34:03.900
die eben auch zum Menschsein dazugehören.

382
00:34:05.540 --> 00:34:09.560
Und deshalb möchte ich dir heute wieder eine Reflexionsfrage mitgeben.

383
00:34:11.000 --> 00:34:15.200
Welches Gefühl versuchst du in deinem Leben am häufigsten wegzudrücken?

384
00:34:16.740 --> 00:34:20.500
Und was würde passieren, wenn du ihm einmal zuhören würdest,

385
00:34:21.300 --> 00:34:23.320
statt es sofort loswerden zu wollen?

386
00:34:25.500 --> 00:34:28.920
Vielleicht ist es Traurigkeit, vielleicht Wut,

387
00:34:28.920 --> 00:34:39.580
Vielleicht Angst, vielleicht Enttäuschung oder vielleicht ist es ein ganz anderes Gefühl.

388
00:34:41.700 --> 00:34:45.100
Und wenn du möchtest, beobachte dich in den nächsten Tagen einfach einmal.

389
00:34:46.200 --> 00:34:50.920
Nicht mit dem Anspruch, sofort etwas verändern zu müssen, sondern einfach neugierig.

390
00:34:51.640 --> 00:34:53.340
Wann taucht dieses Gefühl auf?

391
00:34:54.280 --> 00:34:55.680
In welchen Situationen?

392
00:34:56.520 --> 00:34:58.080
Was passiert kurz davor?

393
00:34:58.920 --> 00:35:02.920
Und was machst du normalerweise, sobald du es bemerkst?

394
00:35:02.920 --> 00:35:04.920
Greifst du zum Handy?

395
00:35:04.920 --> 00:35:06.920
Lenkst du dich ab?

396
00:35:06.920 --> 00:35:09.920
Stürzt du dich in die Arbeit?

397
00:35:09.920 --> 00:35:12.920
Versuchst du sofort positiv zu denken?

398
00:35:12.920 --> 00:35:19.920
Oder sagst du dir vielleicht sogar, ich darf mich jetzt nicht so fühlen.

399
00:35:19.920 --> 00:35:26.920
Und wenn du einen solchen Moment bemerkst, probier vielleicht einmal etwas anderes.

400
00:35:26.920 --> 00:35:29.700
Nicht sofort weglaufen.

401
00:35:31.120 --> 00:35:32.080
Nicht sofort bewerten.

402
00:35:34.340 --> 00:35:35.240
Nicht sofort lösen.

403
00:35:36.800 --> 00:35:38.740
Sondern für einen Moment einfach wahrnehmen.

404
00:35:39.740 --> 00:35:42.620
Okay, dieses Gefühl ist gerade da.

405
00:35:44.080 --> 00:35:47.880
Und vielleicht fragst du dich dann, was möchtest du mir gerade zeigen?

406
00:35:50.200 --> 00:35:52.560
Du musst darauf nicht sofort deine Antwort haben.

407
00:35:54.300 --> 00:35:55.600
Vielleicht kommt sie später.

408
00:35:56.920 --> 00:36:06.380
Vielleicht kommt sie gar nicht. Aber allein der Unterschied zwischen geh weg und ich nehme dich wahr kann etwas verändern.

409
00:36:08.200 --> 00:36:11.000
Und mich würde heute natürlich auch wieder interessieren, wie du das erlebst.

410
00:36:12.480 --> 00:36:19.500
Deshalb meine Community-Frage an dich, welches Gefühl fällt dir persönlich am schwersten zuzulassen?

411
00:36:19.500 --> 00:36:29.600
Ist es Wut, Traurigkeit, Angst, Enttäuschung oder vielleicht sogar etwas ganz anderes?

412
00:36:31.460 --> 00:36:37.280
Wenn du über Spotify hörst, freue ich mich, wenn du mir einen Kommentar direkt unter dieser Folge dalässt.

413
00:36:38.480 --> 00:36:41.680
Oder du schreibst mir auf Instagram unter Vitalis Zentrum.

414
00:36:42.800 --> 00:36:45.500
Ich lese jede Nachricht und jeden Kommentar persönlich.

415
00:36:45.500 --> 00:36:53.560
Und vielleicht greife ich deine Gedanken oder deine Geschichte sogar in einer der nächsten Folgen auf.

416
00:36:55.040 --> 00:36:59.840
Denn ich glaube, gerade bei diesem Thema können wir unglaublich viel voneinander lernen.

417
00:37:01.600 --> 00:37:06.720
Vielleicht merken wir sogar, dass wir mit manchen Gefühlen gar nicht so allein sind, wie wir manchmal glauben.

418
00:37:08.800 --> 00:37:13.940
Und bevor wir die heutige Folge beenden, möchte ich dir noch einen Gedanken mitgeben.

419
00:37:13.940 --> 00:37:20.760
Deine Gefühle sind nicht deine Feinde, auch dann nicht, wenn sie sich unangenehm fühlen.

420
00:37:20.760 --> 00:37:23.540
Du musst ihnen nicht immer folgen.

421
00:37:23.540 --> 00:37:28.100
Du musst nicht alles gutheißen, was aus einem Gefühl heraus in dir entsteht.

422
00:37:28.100 --> 00:37:30.860
Aber du darfst ihnen zuhören.

423
00:37:30.860 --> 00:37:36.020
Denn vielleicht möchte ein Gefühl nicht immer sofort verschwinden.

424
00:37:36.020 --> 00:37:41.180
Vielleicht möchte es manchmal zuerst verstanden werden.

425
00:37:41.180 --> 00:37:50.100
Und vielleicht dürfen wir deshalb aufhören, emotionale Stärke damit zu verwechseln, nichts mehr an uns heranzulassen.

426
00:37:51.540 --> 00:37:56.760
Stärke kann auch bedeuten, sagen zu können, ja, das berührt mich.

427
00:37:58.060 --> 00:38:00.200
Ja, das macht mir Angst.

428
00:38:01.780 --> 00:38:04.080
Ja, das macht mich traurig.

429
00:38:05.760 --> 00:38:08.120
Ja, das macht mich wütend.

430
00:38:08.120 --> 00:38:12.000
Und trotzdem bin ich in der Lage, bewusst damit umzugehen.

431
00:38:12.000 --> 00:38:14.960
Denn du bist nicht deine Angst.

432
00:38:14.960 --> 00:38:17.560
Du bist nicht deine Wut.

433
00:38:17.560 --> 00:38:20.520
Du bist nicht deine Traurigkeit.

434
00:38:20.520 --> 00:38:24.960
Du bist ein Mensch, der all diese Gefühle erleben darf.

435
00:38:24.960 --> 00:38:28.840
Und keines davon erzählt allein deine ganze Geschichte.

436
00:38:28.840 --> 00:38:34.920
Danke, dass du heute wieder dabei warst und diese Zeit mit mir verbracht hast.

437
00:38:34.920 --> 00:38:40.500
Wenn dir diese Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn du sie mit einem Menschen teilst,

438
00:38:40.500 --> 00:38:44.280
für den dieser Gedanke gerade vielleicht genauso wichtig sein könnte.

439
00:38:44.280 --> 00:38:49.200
Und denk immer daran, du musst nicht jedes Gefühl loswerden.

440
00:38:49.200 --> 00:38:53.940
Manche Gefühle möchten vielleicht einfach erst einmal gehört werden.

441
00:38:53.940 --> 00:38:56.860
Ich wünsche dir eine gute Zeit.

442
00:38:56.860 --> 00:38:59.280
Bis zur nächsten Folge.

443
00:38:59.280 --> 00:39:02.280
Dein Patrick vom Vitalis Zentrum
