Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefühle zuzulassen?
Du lenkst dich ab, sobald Wut, Angst oder Traurigkeit auftauchen? Patrick spricht darüber, Gefühle wahrzunehmen, ihre Botschaft zu hinterfragen und bewusst zu entscheiden, wie du mit ihnen umgehst.
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Die Folge auf einen Blick
Das nimmst du mit.
- Erkenne den Unterschied zwischen einer bewussten Pause und Ablenkung, mit der du einem Gefühl ausweichst.
- Hinter Wut können verletzte Grenzen oder Enttäuschung stehen. Die Folge lädt dazu ein, genauer hinzuschauen.
- Ein Gefühl ernst zu nehmen heißt nicht, jedem Impuls zu folgen. Du kannst fühlen und trotzdem überlegt handeln.
- Die Frage „Was brauche ich gerade?“ eröffnet einen freundlicheren Blick als die Frage, was mit dir falsch sei.
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Beschreibung zur Folge
Viele Menschen versuchen unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden.
Traurigkeit wird weggedrückt, Angst soll verschwinden, Wut wird verurteilt und Enttäuschung möglichst schnell überspielt.
Doch was passiert, wenn wir unseren Gefühlen ständig ausweichen, statt ihnen zuzuhören?
In dieser Folge sprechen wir darüber, warum es uns so schwerfällt, bestimmte Gefühle zuzulassen, weshalb Gefühle nicht automatisch unsere Feinde sind und warum emotionale Stärke nicht bedeutet, nichts mehr zu fühlen.
Eine Folge über Angst, Wut, Traurigkeit, Selbstwahrnehmung und die Frage, was unsere Gefühle uns vielleicht zeigen möchten.
Reflexionsfrage der Folge:
Welches Gefühl versuchst du in deinem Leben am häufigsten wegzudrücken - und was würde passieren, wenn du ihm einmal zuhören würdest, statt es sofort loswerden zu wollen?
Die ganze Folge zum Nachlesen
Automatisch transkribiert. Einzelne Wörter können von der Hörfassung abweichen.
Vollständiges Transkript lesen
Hallo und herzlich willkommen bei Körper und Seele, deinem Gesundheitspodcast. Hier ist Patrick vom Vitalis Zentrum. Schön, dass du heute wieder dabei bist. Bevor wir mit dem heutigen Thema starten, möchte ich noch einmal kurz an die letzte Folge anknüpfen. In der letzten Folge haben wir darüber gesprochen, warum wir uns ständig mit anderen Menschen vergleichen. Warum wir heute, gerade durch soziale Medien, jeden Tag mit dem Leben, den Erfolgen und den scheinbar perfekten Momenten anderer Menschen konfrontiert werden. Und wir haben darüber
gesprochen, dass wir dabei etwas ganz Entscheidendes vergessen. Wir sehen meistens nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben eines anderen Menschen. Aber wir vergleichen diesen Ausschnitt mit unserer gesamten eigenen Geschichte. Vielleicht erinnerst du dich auch noch an die Reflexionsfrage, die ich dir am Ende der letzten Folge mitgegeben habe. Welches Ziel in deinem Leben würdest du noch verfolgen, wenn du dich mit niemandem mehr vergleichen könntest? Vielleicht hast du diese Frage in den letzten Tagen ein wenig mit dir getragen. Vielleicht ist dir sogar aufgefallen, dass manche Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie unbedingt erreichen müssen, gar nicht unbedingt unsere eigenen Ziele sind. Und genau dort möchte ich heute anknöpfen. Denn,
wenn wir anfangen, weniger darauf zu schauen, was andere Menschen machen, entsteht plötzlich etwas, das zunächst vielleicht ganz einfach klingt. Wir haben wieder mehr Raum für uns selbst, für unsere eigenen Gedanken, für unsere eigenen Bedürfnisse, aber auch für etwas anderes, für unsere Gefühle. Und genau die sind nicht immer angenehm, denn bei uns selbst anzukommen bedeutet eben nicht nur Ruhe, Klarheit oder Zufriedenheit zu finden. Manchmal begegnen uns dort auch Dinge, die wir vielleicht viel lieber vermeiden würden. Traurigkeit, Wut, Angst, Enttäuschung, Einsamkeit, Scham, Überforderung.
Und genau deshalb möchte ich heute mit dir über eine Frage sprechen, die wahrscheinlich viel mehr Menschen betrifft, als wir denken. Warum fällt es uns so schwer, unsere Gefühle zuzulassen? Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der wir unglaublich viele Möglichkeiten haben, uns von dem abzulenken, was gerade in uns passiert. Wenn wir uns schlecht fühlen, greifen wir zum Handy. Wir scrollen. Wir schauen eine Serie. Wir arbeiten. Wir machen Sport. Wir treffen Menschen. Wir beschäftigen uns.
Und all diese Dinge sind für sich genommen überhaupt nichts Schlechtes. Die entscheidende Frage ist vielleicht vielmehr, warum mache ich es gerade? Mache ich Sport, weil mir Bewegung gut tut? Oder weil ich gerade etwas nicht fühlen möchte? Treffe ich Freunde, weil ich Zeit mit ihnen verbringen möchte? Oder weil ich Angst davor habe, mit meinen Gedanken allein zu sein? Arbeite ich gerade, weil etwas erledigt werden muss? Oder weil Beschäftigung einfacher ist, als hinzuhören, was gerade in mir passiert. Vielleicht liegt genau darin ein Unterschied, den wir im Alltag kaum bemerken.
Denn Gefühle verschwinden nicht automatisch nur deshalb, weil wir uns gerade nicht mit ihnen beschäftigen. Stell dir einmal vor, jemand klingelt bei dir an der Haustür. Du siehst durch den Türspion und denkst, mit dem möchte ich gerade nicht sprechen. Also machst du nicht auf. Vielleicht geht dieser Mensch irgendwann wieder. Aber vielleicht klingelt er morgen erneut. Und übermorgen wieder. Und irgendwann vielleicht noch etwas lauter. Ich glaube, mit manchen Gefühlen kann es ähnlich sein. Wir müssen nicht jedes Gefühl sofort analysieren. Wir müssen nicht aus jedem Gefühl ein großes Thema machen.
Aber vielleicht lohnt es sich manchmal, die Tür zumindest einen kleinen Spalt zu öffnen und zu fragen, warum bist du eigentlich da? Denn vielleicht möchte unsere Traurigkeit uns etwas zeigen. Vielleicht hat unsere Wut einen Grund. Vielleicht möchte unsere Angst uns vor etwas schützen. Vielleicht steckt hinter unserer Enttäuschung etwas, das uns unglaublich wichtig gewesen ist. Und trotzdem haben viele von uns gelernt, Gefühle sehr schnell zu bewerten. Traurigkeit ist schlecht. Freude ist gut. Angst ist schlecht.
Zufriedenheit ist gut. Wut ist schlecht, Gelassenheit ist gut. Doch vielleicht sind Gefühle gar nicht dafür da, in gut und schlecht eingeteilt zu werden. Vielleicht sind sie zunächst einmal einfach da. Und vielleicht dürfen wir anfangen, neugieriger auf sie zu werden. Denn stell dir einmal die Warnleuchte in einem Auto vor. Wenn sie aufleuchtet, könnten wir natürlich ein Stück schwarzes Klebeband darüber kleben. Dann sehen wir sie nicht mehr. Das Licht wäre verschwunden. Aber das, worauf es uns aufmerksam machen wollte, wäre möglicherweise immer noch da. Und vielleicht machen wir genau das manchmal mit unseren Gefühlen.
Wir versuchen nicht herauszufinden, warum sie da sind. Wir versuchen zuerst, sie möglichst schnell wieder loszuwerden. Doch was wäre, wenn wir unsere Gefühle nicht immer sofort verändern müssten? Was wäre, wenn wir sie zunächst einmal wahrnehmen dürften? Ohne sie zu bewerten, ohne uns dafür zu verurteilen und ohne sofort etwas dagegen tun zu müssen. Denn ein Gefühl zuzulassen bedeutet nicht, dass dieses Gefühl bestimmen muss, was du tust. Du darfst wütend sein, ohne jemanden verletzen zu müssen. Du darfst Angst haben, ohne dass deine Angst jede Entscheidung für dich treffen muss.
Du darfst traurig sein, ohne dass deshalb mit dir etwas nicht stimmt. Vielleicht bedeutet die emotionale Stärke gar nicht, bestimmte Gefühle nicht mehr zu haben. Vielleicht bedeutet sie viel mehr, ihnen begegnen zu können, ohne sofort vor ihnen weglaufen zu müssen. Und genau dort möchte ich heute gemeinsam mit dir etwas genauer hinschauen. Denn wenn emotionale Stärke gar nicht bedeutet, bestimmte Gefühle nicht mehr zu haben, stellt sich eigentlich eine spannende Frage. Warum versuchen wir dann so häufig, genau diese Gefühle möglichst schnell wieder loszuwerden? Ich glaube, ein Grund dafür ist, dass wir in unserem Leben immer wieder erleben, wie
unterschiedlich Gefühle bewertet werden. Wenn jemand glücklich ist, freuen wir uns mit ihm. Wenn jemand voller Energie ist, wirkt das positiv. Wenn jemand motiviert ist, finden wir das gut. Doch sobald jemand traurig ist, entsteht häufig sofort der Wunsch, diese Traurigkeit zu verändern. Kopf hoch, das wird schon wieder. Denk nicht so viel darüber nach. Versuch dich abzulenken. Und natürlich sind solche Sätze meistens liebevoll gemeint. Wir möchten, dass es dem anderen Menschen wieder besser geht. Aber vielleicht steckt darin manchmal auch eine Botschaft, die wir gar nicht bewusst senden.
Dieses Gefühl sollte möglichst schnell wieder verschwinden. Ähnlich ist es mit Angst. Wenn jemand Angst hat, sagen wir vielleicht, du brauchst doch keine Angst zu haben. Doch nur weil wir einem Menschen sagen, dass er keine Angst haben muss, verschwindet seine Angst nicht automatisch. Und vielleicht braucht dieser Mensch in diesem Moment auch gar nicht jemanden, der ihm erklärt, warum seine Angst unbegründet ist. Vielleicht braucht er zunächst jemanden, der sagt, ich sehe, dass du gerade Angst hast. Was macht dir denn Angst? Das ist ein großer Unterschied.
Das eine versucht das Gefühl möglichst schnell zu verändern, das andere gibt ihm zunächst einmal Raum und ich glaube genau das fällt uns häufig schwer. Nicht nur bei anderen Menschen, sondern auch bei uns selbst. Wenn wir traurig sind, wollen wir möglichst schnell wieder glücklich sein. Wenn wir Angst haben, wollen wir möglichst schnell wieder Sicherheit spüren. Wenn wir wütend sind, wollen wir uns möglichst schnell beruhigen. Wenn wir enttäuscht sind, möchten wir möglichst schnell darüber hinwegkommen. Wir haben manchmal das Gefühl, jedes unangenehme Gefühl würde möglichst
schnell durch ein angenehmes Ersatz werden. Doch vielleicht funktioniert unser Inneres gar nicht so. Stell dir einmal vor, draußen regnet es. Du kannst dich darüber ärgern. Du kannst dir wünschen, dass die Sonne scheint. Du kannst hundertmal aus dem Fenster schauen und denken, der Regen soll endlich aufhören. Aber dadurch hört es nicht schneller auf zu regnen. Vielleicht kannst du für diesen Moment nur akzeptieren, es regnet gerade. Und genau das bedeutet nicht, dass es für immer regnen wird. Ich glaube, mit Gefühlen ist es manchmal ähnlich. Ein Gefühl anzunehmen bedeutet nicht, so würde es jetzt für immer bleiben.
Es bedeutet zunächst nur, so fühlt es sich gerade an. Und vielleicht nimmt genau das schon unglaublich viel Druck heraus. Denn zusätzlich zu einem unangenehmen Gefühl entsteht häufig noch ein zweites Problem. Wir bewerten uns dafür, dass wir dieses Gefühl überhaupt haben. Wir sind traurig und denken, ich dürfte doch eigentlich gar nicht traurig sein. Wir haben Angst und denken, warum bin ich nicht stärker? Wir sind wütend und denken, so sollte ich doch gar nicht fühlen. Und plötzlich tragen wir nicht mehr nur das ursprüngliche Gefühl. Wir tragen zusätzlich noch den Kampf dagegen.
Vielleicht ist es ein bisschen so, als würdest du einen schweren Rucksack tragen. Der Rucksack ist schon da. Aber anstatt ihn für einen Moment abzustellen und hineinzuschauen, was eigentlich darin ist, legst du noch einen zweiten Rucksack obendrauf. Gefüllt mit Selbstkritik, mit Schuldgefühlen, mit dem Gedanken, ich darf mich nicht so fühlen. Und plötzlich wird alles noch schwerer. Vielleicht ist deshalb manchmal gar nicht das Gefühl allein das größte Problem, sondern unser Widerstand dagegen. Und besonders deutlich wird es für mich bei einem Gefühl, mit dem viele Menschen Schwierigkeiten haben. Wut.
Wut hat häufig einen schlechten Ruf. Ein wütender Mensch gilt schnell als aggressiv, als schwierig, als unkontrolliert. Aber Wut und aggressives Verhalten sind nicht dasselbe. Wut ist zunächst einmal ein Gefühl. Was wir daraus machen, ist etwas anderes. Vielleicht entsteht Wut, weil jemand eine Grenze überschritten hat. Vielleicht, weil wir uns ungerecht behandelt fühlen. Vielleicht, weil uns etwas verletzt hat. Vielleicht, weil uns etwas wichtig ist.
Das bedeutet nicht, dass wir deshalb schreien müssen. Es bedeutet nicht, dass wir jemanden verletzen dürfen. Und es bedeutet auch nicht, dass jede Reaktion aus Wut automatisch richtig ist. Aber vielleicht dürfen wir trotzdem fragen, warum bin ich gerade wütend? Denn ein Gefühl zuzulassen und einem Gefühl blind zu folgen, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und das gilt nicht nur für Wut. Du kannst Angst wahrnehmen und trotzdem mutig handeln. Du kannst traurig sein und trotzdem wissen, dass wieder andere Tage kommen werden. Du kannst enttäuscht sein und trotzdem weitergehen.
Vielleicht ist genau das emotionale Stärke. Nicht zu sagen, ich fühle das nicht, sondern sagen zu können, ich fühle das gerade. Und ich entscheide trotzdem bewusst, wie ich damit umgehe. Und vielleicht müssen wir deshalb auch mit einem Gedanken vorsichtig sein, der uns heute sehr häufig begegnet. Denk positiv. Ich glaube, eine positive Haltung kann unglaublich wertvoll sein. Es kann uns helfen, Möglichkeiten zu sehen, Hoffnung zu behalten, nicht in jedem Problem nur das Negative zu suchen. Aber positives Denken bedeutet für mich nicht,
dass für unangenehme Gefühle kein Platz mehr sein darf. Denn, wenn ich traurig bin und mir einfach sage, ich muss jetzt positiv denken, habe ich meine Traurigkeit vielleicht nicht verarbeitet. Ich habe sie möglicherweise nur überdeckt. Es ist ein bisschen so, als hätten wir einen Raum, in dem etwas herumliegt, das uns stört. Wir könnten den Raum aufräumen. Oder wir könnten einfach das Licht ausschalten. Wenn das Licht aus ist, sehen wir das Chaos nicht mehr. Aber deshalb ist der Raum nicht aufgeräumt. Manchmal machen wir vielleicht genau das mit unseren Gefühlen. Wir schalten innerlich das Licht aus. Wir lenken uns ab.
Wir funktionieren. Wir sagen uns, dass alles gut ist. Und von außen sieht vielleicht tatsächlich alles gut aus. Doch das bedeutet nicht automatisch, dass in uns nichts mehr da ist. Vielleicht besteht echte Positivität deshalb gar nicht darin, das Schwierige nicht mehr sehen zu wollen. Vielleicht besteht sie darin, auch schwierige Gefühle anschauen zu können und trotzdem darauf zu vertrauen, dass sie nicht für immer bleiben müssen. Denn kein Gefühl definiert dich vollständig. Du bist nicht deine Angst. Du bist nicht deine Wut. Du bist nicht deine Traurigkeit.
Du bist ein Mensch, der gerade Angst, Wut oder Traurigkeit empfindet. Und dieser kleine Unterschied kann unglaublich viel verändern. Denn Gefühle kommen. Gefühle verändern sich. Und Gefühle gehen auch wieder. Vielleicht müssen wir deshalb nicht jedes unangenehme Gefühl sofort loswerden. Vielleicht dürfen wir manchmal einfach lernen, für einen Moment bei ihm zu bleiben, hinzuhören, es ernst zu nehmen und uns zu fragen, was möchtest du mir gerade zeigen? Ich glaube, allein diese Frage kann unseren Umgang mit Gefühlen verändern.
Denn plötzlich versuchen wir nicht mehr sofort ein Gefühl loszuwerden, wir werden neugierig. Und genau dabei muss ich an ein Beispiel aus meiner Arbeit denken. An einen Menschen, der immer wieder sehr wütend wurde. Auf bestimmte Situationen, auf andere Menschen, manchmal sogar auf Kleinigkeiten. Und irgendwann entstand natürlich die Frage, warum werde ich eigentlich so schnell wütend? Vielleicht kennst du solche Situationen auch selbst. Es passiert etwas, das von außen betrachtet eigentlich gar nicht so groß erscheint. Ein falscher Satz.
Eine Bemerkung. Eine kleine Situation. Und plötzlich merkst du, da ist unglaublich viel Wut. Wut. Oft versuchen wir dann nur, diese Wut wieder loszuwerden. Wir sagen uns, reg dich nicht so auf. Das ist es doch gar nicht wert. Beruhig dich. Doch in diesem Fall haben wir etwas anderes gemacht. Wir haben die Wut nicht sofort weggeschoben. Wir haben uns angeschaut, warum ist sie eigentlich da? Und im Laufe der Gespräche wurde immer deutlicher, hinter dieser Wut steckte etwas ganz anderes.
Verletzung Dieser Mensch hatte über einen langen Zeitraum Dinge erlebt, die ihn verletzt haben. Doch diese Verletzung hatte kaum Raum bekommen. Traurig zu sein, fühlte sich für ihn verletzlich an. Wütend zu sein, dagegen stark. Und so hatte sich über die Zeit etwas entwickelt. Die Wut war das Gefühl, das nach außen sichtbar wurde. Aber darunter lag etwas, das viel leiser war. Und ich finde dieses Bild unglaublich wichtig. Denn vielleicht sind manche Gefühle wie die Spitze eines Eisbergs. Wir sehen oben die Wut.
Aber unter der Wasseroberfläche liegen vielleicht Enttäuschungen. Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit oder das Gefühl, nicht gesehen worden zu sein. Und wenn wir nur versuchen, die Spitze des Eisbergs wegzubekommen, verstehen wir vielleicht nie, was darunter liegt. Das bedeutet natürlich nicht, dass hinter jeder Wut automatische Verletzung steckt. Und es bedeutet auch nicht, dass wir jedes Gefühl bis ins kleinste Detail analysieren müssen. Aber es zeigt etwas. Gefühle können verschiedene Ebenen haben. Und manchmal lohnt es sich,
nicht bei der ersten stehen zu bleiben. Vielleicht kennst du das auch aus deinem eigenen Leben. Du bist genervt, aber eigentlich bist du überfordert. Du bist wütend, aber eigentlich hatte ich etwas verletzt. Du bist unruhig, aber vielleicht macht dir etwas Angst. Oder du bist plötzlich unglaublich emotional und merkst erst später, eigentlich habe ich schon seit Tagen viel zu viel getragen. Und genau deshalb glaube ich, dass die Frage, was ist gerade mit mir los, manchmal weniger hilfreich ist, als was brauche ich gerade. Denn das eine klingt schnell so,
als wäre etwas mit uns nicht richtig. Das andere lädt uns dazu ein, uns selbst zuzuhören. Vielleicht brauchst du gerade Ruhe. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht Abstand. Vielleicht möchtest du weinen. Vielleicht brauchst du einen Moment für dich. Oder vielleicht musst du gerade noch gar nicht wissen, was du brauchst. Vielleicht reicht es zunächst einmal zu sagen, da ist gerade etwas in mir. Und es sein zu lassen. Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie ungewohnt genau das für viele Menschen ist.
Ein Gefühl wahrzunehmen, ohne es sofort verändern zu wollen. Stell dir vor, ein guter Freund sitzt neben dir und ist traurig. Würdest du nach drei Minuten sagen, so, jetzt reicht es aber, jetzt musst du wieder glücklich sein? Wahrscheinlich nicht, oder? Vielleicht würdest du einfach neben ihm sitzen. Vielleicht würdest du zuhören. Vielleicht würdest du ihm Zeit geben. Warum fällt uns bei uns selbst manchmal so schwer, genau dasselbe zu tun? Warum muss unsere eigene Traurigkeit sofort verschwinden? Warum darf unsere Angst nicht für einen Moment da sein?
Warum müssen wir unsere Wut sofort verurteilen? Vielleicht dürfen wir lernen, unseren Gefühlen so zu begegnen, wie wir einem Menschen begegnen würden, der gerade etwas Schwieriges erlebt. Nicht alles muss sofort repariert werden. Manchmal braucht etwas zuerst etwas Raum. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Gefühle anfangen können, sich zu verändern. Nicht, weil wir sie bekämpfen, sondern weil wir aufgehört haben, gegen sie zu kämpfen. Dabei ist mir aber noch etwas ganz wichtig. Gefühle ernst zu nehmen, bedeutet nicht, jede Entscheidung aus einem Gefühl heraus zu treffen.
Denn Gefühle sind Informationen, aber sie sind nicht automatisch Anweisungen. Wenn ich wütend bin, darf ich meine Wut ernst nehmen. Aber meine Wut gibt mir nicht das Recht, einen anderen Menschen zu verletzen. Wenn ich Angst habe, darf ich meine Angst ernst nehmen. Aber ich darf trotzdem prüfen, ob tatsächlich eine Gefahr besteht. Und wenn ich traurig bin, darf ich traurig sein, ohne daraus schließen zu müssen, dass mein gesamtes Leben schlecht ist. Vielleicht kann man es sich ein bisschen wie einen Brief vorstellen. Ein Gefühl legt dir einen Brief auf den Tisch.
Du kannst ihn ungeöffnet wegwerfen. Du kannst aber auch hineinschauen und lesen, was darin steht. Doch nur, weil du den Brief gelesen hast, musst du nicht automatisch alles tun, was darin vorgeschlagen wird. Du entscheidest immer noch selbst. Und genau darin liegt für mich ein sehr wichtiger Unterschied. Gefühle zulassen bedeutet nicht, die Kontrolle abzugeben. Vielleicht bedeutet das sogar das Gegenteil. Denn erst wenn ich weiß, was gerade in mir passiert, kann ich bewusst entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Vielleicht liegt darin eine ganz andere Form von Stärke. Nicht darin, nichts mehr fühlen zu fühlen, sondern darin, fühlen zu können,
ohne von jedem Gefühl vollständig mitgerissen zu werden. Vielleicht dürfen wir deshalb aufhören, uns zu fragen, wie bekomme ich dieses Gefühl möglichst schnell weg und stattdessen manchmal fragen, was möchte mir dieses Gefühl gerade sagen und was mache ich mit dieser Information? Vielleicht ist genau das eine Frage, die wir uns viel häufiger stellen dürfen. Denn wenn wir anfangen, Gefühle nicht mehr nur als etwas Störendes zu betrachten, verändert sich unser Blick auf sie. Und genau an diesem Punkt möchte ich dir noch eine andere Frage stellen. Was Was passiert eigentlich mit einem Gefühl, für das in unserem Leben nie Platz sein darf?
Mit einer Traurigkeit, die wir jedes Mal sofort wegdrücken? Mit einer Wut, die wir uns niemals erlauben? Mit einer Angst, für die wir uns schämen? Mit einer Entscheidung, über die wir möglichst schnell hinwegkommen wollen? Vielleicht verschwindet ein Gefühl manchmal tatsächlich wieder. Gefühle kommen und gehen. Doch vielleicht gibt es auch Gefühle, die immer wieder auftauchen. Nicht, weil sie uns ärgern wollen, nicht, weil mit uns etwas nicht stimmt, sondern vielleicht, weil etwas in uns noch Aufmerksamkeit braucht.
Stell dir vor, du bekommst einen Brief. Du öffnest ihn nicht, du legst ihn in eine Schublade. Am nächsten Tag kommt der nächste Brief. Auch den legst du hinein. Und dann noch einen. Und noch einen. Von außen sieht die Wohnung weiterhin ordentlich aus. Die Briefe sind schließlich alle weggeräumt. Doch irgendwann ist die Schublade voll. Und genau dieses Bild finde ich spannend. Denn vielleicht bedeutet Verdrängen manchmal nicht, dass etwas verschwunden ist. Vielleicht bedeutet es nur, dass wir es gerade nicht mehr sehen. Und irgendwann merken wir vielleicht, da ist etwas, das immer wieder auftaucht. Vielleicht in ähnlichen Situationen, vielleicht bei bestimmten Menschen, vielleicht bei bestimmten
Themen. Und anstatt dann zu denken, warum passiert mir das schon wieder, könnten wir vielleicht einmal neugierig werden. Warum berührt mich genau diese Situation eigentlich so sehr? Warum macht mich genau dieser Satz so wütend? Warum macht mir genau dieses Thema solche Angst? Warum trifft mich das gerade so? Nicht jede dieser Fragen braucht sofort eine Antwort. Und manchmal finden wir die Antwort auch nicht alleine. Aber vielleicht ist bereits die Bereitschaft hinzuschauen ein wichtiger Unterschied. Denn wenn wir ein Gefühl unser ganzes Leben lang nur wegschieben, lernen wir vielleicht nie kennen, was dahinter liegt.
Und ich glaube, genau hier passiert noch etwas anderes. Wenn wir bestimmte Gefühle nicht haben wollen, beginnen wir manchmal, Teile von uns selbst abzulehnen. Dann sagen wir einfach nicht mehr nur, ich möchte diese Angst nicht, sondern vielleicht irgendwann, ich darf keine Angst haben. Nicht mehr, ich bin gerade traurig, sondern ich sollte nicht traurig sein. Nicht mehr, ich bin wütend, sondern ich darf nicht wütend sein. Und plötzlich wird aus einem Gefühl eine Bewertung unserer eigenen Person. Dabei ist ein Gefühl zunächst einmal kein Charakterfehler. Angst macht dich nicht schwach.
Traurigkeit macht dich nicht negativ. Wut macht dich nicht zu einem schlechten Menschen. Und Überforderung bedeutet nicht automatisch, dass du dein Leben nicht im Griff hast. Es bedeutet zunächst einmal, da ist gerade ein Gefühl. Mehr nicht. Und vielleicht ist genau das etwas, das wir wieder lernen dürfen. Wir müssen nicht jedes Gefühl mögen. Wir müssen auch nicht jedes Gefühl schönreden. Und wir müssen auch nicht in jedem Gefühl stundenlang verweilen. Aber vielleicht dürfen wir wieder aufhören, uns selbst dafür abzulehnen, dass wir es überhaupt empfinden.
Denn stell dir einmal vor, in deinem Zuhause gäbe es einen Raum, den du niemals betreten darfst. Die Tür bleibt immer verschlossen. Du läufst jeden Tag daran vorbei. Du weißt, dass dieser Raum zu deinem Haus gehört. Aber du hast irgendwann gelernt, da darf ich nicht hinein. Vielleicht wäre irgendwann gar nicht mehr der Raum selbst das Beängstigende, sondern die Vorstellung davon, was ich dahinter befinden könnte. Und vielleicht ist es mit manchen Gefühlen ähnlich. Je länger wir ihnen ausweichen, desto größer können sie in unserer Vorstellung werden. Doch manchmal stellen wir fest, wenn wir die Tür irgendwann vorsichtig öffnen,
da ist etwas, das wir aushalten können. Vielleicht nicht angenehm, vielleicht nicht leicht, aber aushaltbar. Und vielleicht merken wir sogar, ich muss davor gar nicht mein ganzes Leben weglaufen. Ich kann traurig sein und trotzdem weiterleben. Ich kann Angst spüren und trotzdem einen nächsten Schritt gehen. Ich kann wütend sein und trotzdem bewusst entscheiden, wie ich handle. Ich kann enttäuscht sein und trotzdem irgendwann wieder Vertrauen empfinden. Gefühle und Handlungsfähigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus.
Und vielleicht liegt genau darin etwas unglaublich Verfreiendes. Wir müssen nicht erst vollkommen angstfrei sein, bevor wir mutig sein können. Wir müssen nicht erst jede Traurigkeit überwunden haben, bevor wir wieder schöne Momente erleben dürfen. Und wir müssen nicht immer vollkommen ruhig sein, um gute Entscheidungen treffen zu können. Vielleicht haben wir manchmal die Vorstellung, wir müssen uns erst innerlich reparieren, bevor wir unser Leben weiterleben dürfen. Doch vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht geht es darum, auch mit den Teilen von uns leben zu lernen, die uns nicht immer leicht sind. Denn ein gesundes Leben bedeutet für mich nicht, jeden Tag glücklich zu sein.
Es bedeutet auch nicht, niemals Angst zu haben, niemals traurig zu sein, niemals wütend zu werden. Das wäre wahrscheinlich kein menschliches Leben. Vielleicht bedeutet Gesundheit auch, einen Umgang mit diesen Gefühlen zu finden, sie wahrzunehmen, sie ernst zu nehmen, zu verstehen, wenn es möglich ist und gleichzeitig zu wissen, dieses Gefühl ist gerade ein Teil meiner Erfahrung. Aber es ist nicht meine ganze Geschichte. Vielleicht ist genau das der Gedanke, den ich dir aus diesem Abschnitt mitgeben möchte. Du musst nicht jedes Gefühl loswerden, um mit dir selbst in Frieden sein zu können.
Manchmal beginnt Frieden vielleicht genau dort, wo wir aufhören, gegen alles in uns kämpfen zu wollen. Und genau diesen Gedanken möchte ich heute zum Abschluss noch einmal bei dir lassen. Denn vielleicht geht es gar nicht darum, irgendwann nur noch die Gefühle zu haben, die wir gerne hätten. Vielleicht geht es darum, auch mit den Gefühlen umgehen zu lernen, die unangenehm sind. Mit der Angst, mit der Traurigkeit, mit der Wut, mit der Enttäuschung, mit all den Dingen, die eben auch zum Menschsein dazugehören. Und deshalb möchte ich dir heute wieder eine Reflexionsfrage mitgeben.
Welches Gefühl versuchst du in deinem Leben am häufigsten wegzudrücken? Und was würde passieren, wenn du ihm einmal zuhören würdest, statt es sofort loswerden zu wollen? Vielleicht ist es Traurigkeit, vielleicht Wut, Vielleicht Angst, vielleicht Enttäuschung oder vielleicht ist es ein ganz anderes Gefühl. Und wenn du möchtest, beobachte dich in den nächsten Tagen einfach einmal. Nicht mit dem Anspruch, sofort etwas verändern zu müssen, sondern einfach neugierig. Wann taucht dieses Gefühl auf? In welchen Situationen?
Was passiert kurz davor? Und was machst du normalerweise, sobald du es bemerkst? Greifst du zum Handy? Lenkst du dich ab? Stürzt du dich in die Arbeit? Versuchst du sofort positiv zu denken? Oder sagst du dir vielleicht sogar, ich darf mich jetzt nicht so fühlen. Und wenn du einen solchen Moment bemerkst, probier vielleicht einmal etwas anderes. Nicht sofort weglaufen. Nicht sofort bewerten. Nicht sofort lösen. Sondern für einen Moment einfach wahrnehmen. Okay, dieses Gefühl ist gerade da.
Und vielleicht fragst du dich dann, was möchtest du mir gerade zeigen? Du musst darauf nicht sofort deine Antwort haben. Vielleicht kommt sie später. Vielleicht kommt sie gar nicht. Aber allein der Unterschied zwischen geh weg und ich nehme dich wahr kann etwas verändern. Und mich würde heute natürlich auch wieder interessieren, wie du das erlebst. Deshalb meine Community-Frage an dich, welches Gefühl fällt dir persönlich am schwersten zuzulassen? Ist es Wut, Traurigkeit, Angst, Enttäuschung oder vielleicht sogar etwas ganz anderes?
Wenn du über Spotify hörst, freue ich mich, wenn du mir einen Kommentar direkt unter dieser Folge dalässt. Oder du schreibst mir auf Instagram unter Vitalis Zentrum. Ich lese jede Nachricht und jeden Kommentar persönlich. Und vielleicht greife ich deine Gedanken oder deine Geschichte sogar in einer der nächsten Folgen auf. Denn ich glaube, gerade bei diesem Thema können wir unglaublich viel voneinander lernen. Vielleicht merken wir sogar, dass wir mit manchen Gefühlen gar nicht so allein sind, wie wir manchmal glauben. Und bevor wir die heutige Folge beenden, möchte ich dir noch einen Gedanken mitgeben. Deine Gefühle sind nicht deine Feinde, auch dann nicht, wenn sie sich unangenehm fühlen.
Du musst ihnen nicht immer folgen. Du musst nicht alles gutheißen, was aus einem Gefühl heraus in dir entsteht. Aber du darfst ihnen zuhören. Denn vielleicht möchte ein Gefühl nicht immer sofort verschwinden. Vielleicht möchte es manchmal zuerst verstanden werden. Und vielleicht dürfen wir deshalb aufhören, emotionale Stärke damit zu verwechseln, nichts mehr an uns heranzulassen. Stärke kann auch bedeuten, sagen zu können, ja, das berührt mich. Ja, das macht mir Angst. Ja, das macht mich traurig.
Ja, das macht mich wütend. Und trotzdem bin ich in der Lage, bewusst damit umzugehen. Denn du bist nicht deine Angst. Du bist nicht deine Wut. Du bist nicht deine Traurigkeit. Du bist ein Mensch, der all diese Gefühle erleben darf. Und keines davon erzählt allein deine ganze Geschichte. Danke, dass du heute wieder dabei warst und diese Zeit mit mir verbracht hast. Wenn dir diese Folge gefallen hat, freue ich mich, wenn du sie mit einem Menschen teilst, für den dieser Gedanke gerade vielleicht genauso wichtig sein könnte. Und denk immer daran, du musst nicht jedes Gefühl loswerden. Manche Gefühle möchten vielleicht einfach erst einmal gehört werden.
Ich wünsche dir eine gute Zeit. Bis zur nächsten Folge. Dein Patrick vom Vitalis Zentrum
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